Père Ubu I – Der Schoißkasper spricht

Angefangen hat alles mit einem Bericht über ‘Pataphysik im BR (kleiner Auszug: http://www.youtube.com/watch?v=Gjy526vPKX4). Die Spannung zwischen Ironie, Anarchie, Blödelei und Philosophie- bzw. Wissenschaftskritik fesselte mich damals sofort. Mein Hadern mit meinem Philosophiestudium war daran sicherlich nicht unbeteiligt. Also las ich Alfred Jarry. Irgendwie schon ein Klischeekünstler. Aber deswegen nicht weniger spannend. Über ihn wird noch mindestens ein separater Artikel folgen. Auch die Figur des Père Ubu übte und übt eine gewisse Faszination auf mich aus. Daher soll er auch Teil des Stückes werden, wobei auch das Stück als Ganzes an „König Ubu“ angelehnt werden soll.

Wer ist nun Père Ubu? Ich beziehe mich hier auf die Übersetzung von Ulrich Bossier. Da es eben diese Übersetzung war und ist, die mich anregt, verzichte ich auch auf eine kritische Betrachtung der Übersetzung. Zurück zu Ubu. Was stark auffällt ist seine Sprache. Die Merkmale seiner Sprache und deren mögliche Bedeutung möchte ich hier skizzieren.

Sie ist geprägt von vulgären Ausdrücken,  und Wortneuschöpfungen. „Schoiße“, „bei meinem grünen Rotz“, „Hundsfott“. Seine Majestät fluchen gern. Das Moment des Vulgären findet sich aber auch in seinen Taten wieder. So bringt er eine „unanständige Bürste“ an eine Tafel und spricht in Gesellschaft über den Verzehr von Exkrementen. Seine Wortneuschöpfungen sind Substantive, die zwar offenkundig Gegenstände bezeichnen, aber die so weder existent noch gedanklich greifbar sind. Was sollen beispielsweise ein „Schoißhaken“ oder ein „Phynanzstock“ sein? Eine Idee meinerseits dazu folgt noch. Ein weiteres Merkmal sind die Abänderungen von Worten: „Schoiße“ (Scheiße), „Phynanz“ (Finanz), „Ohnen“ (Ohren). Durch die Abänderungen und ihre häufige Verwendung erfahren diese Begriffe eine besondere Hervorhebung. Sie spiegeln zentrale Charakteristika der Figur Ubus wieder.

„Schoiße“

Père Ubu ist eine durch und durch vulgäre Person. Er ist unhöflich, flucht, ist dem Verzehr von Stoffwechselendprodukten nicht abgeneigt und scheint wohl auch über keine Tischmanieren zu verfügen. Der Ausruf „Schoiße“ symbolisiert diesen Wesenszug Ubus. Er ist abstoßend, riecht unangenehm, ja, man sich sogar vor ihm und seinem Verhalten ekeln. Sein Egoismus treibt ihn bis zum Eidbruch. Ein Leben ist ihm nichts wert, so lang es nicht sein eigenes ist. Père Ubu ist scheiße.

„Phynanz“

Es ist sehr auffällig, dass Père Ubu nur zu einer überschaubaren Anzahl von Gefühlen fähig ist. Man könnte meinen, er sei ängstlich. In den Situationen, in der er um sein Leben bangt, ist sein Habitus derart übertrieben, dass es eher eine kokette Feigheit ist (die Älteren unter uns kennen vielleicht noch das Wort „kokett“). Das zweite Gefühl zeigt Ubu gleich zu Beginn von „König Ubu“, er ist noch nicht König, als seine Frau versucht ihn zur Rebellion gegen den König zu motivieren. Er soll König anstelle des Königs werden. Erstaunlicherweise steigt er nicht sofort auf diese Idee ein. Erst als seine Frau ihm Unmengen an Leberwurst in Aussicht stellt, willigt er ein. Zuvor jedoch ziert er sich. Er signalisiert Mère Ubu, dass sich ein solches Verhalten für einen Dragonerhauptmann wie ihn nicht gehöre. Doch dies scheint nur vorgeschoben zu sein, denn nur allzu schnell ist er überredet. Immerhin scheint sich Père Ubu darüber bewusst zu sein, welches Verhalten von ihm erwartet wird. Was sich hier zeigt ist seine Gier nach Essen, die durch seine dicke Figur und das immer wiederkehrende Thema Essen unterstrichen wird. In seiner Gier, die sich auch auf Geld und Besitz erstreckt, ist Ubu jedoch die pervertierte Form eines Sammlers. Es gibt ihm nicht um gutes Essen, ein ertragreiches Stück Land, sondern darum, viel zu haben. Haben, haben, haben und zwar viel. Quantität geht vor Qualität. Diese Gier verbirgt sich m.E. hinter der „Phynanz“.

„Ohnen“

Das Abschneiden der „Ohnen“ ist eine Drohung, die Père Ubu gelegentlich vorbringt, doch auch in anderen Zusammenhängen verwendet er diese Variante der Ohren. Ich denke, dass die „Ohnen“ auf Ubus Unvermögen hindeuten zuzuhören. Die Bitten, die an ihn herangetragen werden, das Klagen und die Argumente dringen nicht zu ihm durch. In Aufzug 4 Szene 6, sehen sich Ubu und seine Spießgesellen einem Bären gegenüber, die Hilferufe der Seinen ignoriert er hier beispielsweise völlig. Jedwede Form von Empathie, Verbundenheit oder Zuneigung fehlt Père Ubu. Er ist für diese Gefühlsregungen taub.

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